Turm Hier keine Kunst

Ich trat vor die Haustür und ein warmer, wundervoller Frühlingstag schloß mich in die Arme. Die Magnolien und die Zierkirschen in den Vorgärten blühten prachtvoll, ebenso die Wildtulpen und der Rhododendron. Am Straßenrand grünten die Kastanien, und die Sonne funkelte fröhlich am ansonsten restlos blauen Himmel. Ein Gönner hatte ringsherum Aufmerksamkeiten verteilt, rot und gelb und blau leuchtende Geschenke. Kostbare Darreichungen, die meine Augen voller Freude pflückten und in die Kammern meines Herzens schafften. Ich zündete die Zigarre an, die Manni Höttges spendiert hatte, und ließ die ersten beiden Züge tief in meiner Körperflora verschwinden. Die Drosseln flöteten, die Rotkehlchen trillerten, und die Buchfinken jubelten. Herrlich, im Herzen bin ich Rentner!
Auf der unbefahrenen Straße spielte ein Mädchentrio Seilhüpfen. Vergnügt sprangen und sangen die drei:

Hau Ruck
Donald Duck
Micky Maus
du bist auu

Die lustig in der Mitte hüpfende Elfe im Blumendirndl berührte mit der Fußspitze das Seil, geriet aus dem Gleichgewicht, vertrat sich ... Und fiel wie ein Holzbrett auf den Asphalt. Erschrocken ließen ihre Spielkameradinnen die Seilenden fallen und eilten ihr zu Hilfe. Sie reichten dem Mädchen die Hand und halfen ihr auf. Eine breite Schramme verunstaltete ihr linkes Knie, und helles Blut quoll aus der Wunde ... Doch das Mädchen ließ sich nichts anmerken. Sie lachte, klatschte zweimal laut in die Hände, rief avanti! und stürmte zurück in die Mitte:

Teddybär, Teddybär
dreh dich um

Sogleich nahmen die beiden anderen Mädchen wieder ihre Plätze ein. Sie hoben das Seil auf, griffen die Enden und ließen es im hohen Bogen um das Mädchen kreisen. Freudig und aufgeregt fielen sie in den Gesang mit ein:

Teddybär, Teddybär
mach dich krumm
Teddybär, Teddybär
hüpf auf einem Bein
Teddybär, Teddybär
das muß sein

Reizend. Kurz überlegte ich, das Trio zu bitten, mich auf meinem Gang zu begleiten. Wir würden uns an die Hände fassen, einen christlichen Kanon anstimmen und tanzend in die Fußgängerzone einfallen ... Doch nein, schließlich hatte ich eine Aufgabe und ein Ziel vor Augen: Ich wollte Lottokönig werden! Ich hatte schon fast die Lottoannahmestelle am Marktplatz erreicht, als durch die Glastür von Erikas Friseursalon Latte hinausstolziert kam und mir direkt in die Arme lief.
– Hey, Alter. Was für ein Zufall. Hab mir grad die Spitzen schneiden lassen. Wie gefällt es dir?
– Sieht gut aus, echt. Und sonst? Alles paletti?
– Klar, Mann. Hab gestern acht Stunden am Stück gefickt. Du rätst nicht wen.
– Ich will es auch gar nicht wissen.
– Alter, du bist so verklemmt, das ist dein Problem. Ey, was rauchst du denn da für ne Priemel?
– Hat mir der alte Höttges geschenkt. Zum Geburtstag. Ich bin heute dreiunddreißig geworden.
– Im Ernst? Siehst älter aus. Komm, ich lad dich auf nen Kaffee ein. In mein neues Stammcafé. Hier lang.
– Wo willst du denn hin?
– Na, in die Wullie.
Tatsächlich lotste mich Latte geradewegs in die Woolworth. Vor dem Geschäft verabschiedete ich mich von meiner Zigarre, dann betraten wir die heiligen Hallen. Mit der Rolltreppe fuhren wir in die erste Etage, hier waren die Haushaltswaren- und Bekleidungsabteilung angesiedelt. Noch nie zuvor hatte ich einen Fuß in dieses Stockwerk gesetzt. Latte steuerte in die Ecke mit den Umkleidekabinen. Ta ta, da stand er! Erhaben und unerschütterlich. Ein dunkelbrauner, mannshoher Getränkeautomat für Selbstbediener. Genauso ein Leuchtturm bewacht auch die Kopiergeräte in der Stadtbibliothek.
– Alter, was darf es sein? Kaffee? Schokolade? Zitronentee? Mocca? Oder vielleicht eine Tomatensuppe?
– Einen Kaffee, bitte.
– Mit Milch? Zucker? Extra viel Milch?
– Einfach nur schwarz.
– Krass, Alter. Ach, hast du vielleicht ein bißchen Kleingeld? Der hier nimmt keine Scheine.
– Sicher.
Ich gab ihm zwei Markstücke und erhielt dafür im Gegenzug einen bis obenhin gefüllten Plastikbecher mit einer heißen, trüben Flüssigkeit.
– Das heißt jetzt coffee to go, Kaffee zum Wegrennen. Auf dich, Alter! Herzlichen Glühstrumpf! Hau rein, auf ex!
Vorsichtig stießen wir die Behälter gegeneinander. Ich nippte kurz am Becher und verbrühte mir sogleich die Zunge.
– Danke. Wow, das ist ein echt ausgefallener Ort für einen Kaffeeautomaten. Wie hast du den denn gefunden?
– Schau dich doch mal um.
Ich ließ meine Blicke wandern ... Und meine Augen weiteten sich. Hui, meine Kehle wurde trocken. Ich mußte tief Luft holen, das Blut floß rascher. Latte und ich standen direkt in der Damenunterwäscheabteilung. Schwarze Strapse, weiße Strapse, rote Strapse ... Vor uns, hinter uns, links und rechts: Spitzen und Litzen in allen erdenklichen Farben und Formen. Die Angestellte hinter der Registrierkasse schien uns gar nicht zu beachten. Latte prostete ihr mit dem Plastikbecher und einem unverschämten Lächeln zu. Ich drehte mich um, weg, und starrte auf die weißgetünchte Wand. Am liebsten wäre ich in meine Einzelteile zerfallen und durch den Lüftungsschacht verschwunden.
– Komm, laß uns gehen.
– Spinnst du, Alter! Entspann dich. Du hast schließlich Geburtstag. Genieß einfach dein Leben. Sei frei. Und jetzt suchen wir in Ruhe was Hübsches für die Katja aus.
Latte marschierte zu dem Sondertisch mit den heruntergesetzten Slips. Jedes Höschen prüfte Latte Faser für Faser. Er zog es am Bund so weit es ging auseinander und ließ es dann mit einem Zungenschnalzen zusammenschnellen.
– Alter, wer die mal tragen wird? Vielleicht ja deine Mutter. Die ist doch auch öfters in der Wullie.
Da hatte Latte recht. Um nicht aufzufallen, trat ich zu der zweiten Angebotsfläche und hob mit spitzen Fingern das ein oder andere Wäschestück aus Baumwolle, Polyamid und Elasthan in die Höhe. Die Auswahl war wirklich beachtlich. Ich bestaunte halterlose Strümpfe aus Grobnetz mit Abschlüssen aus Blütenspitze, wunderte mich über eine Cord-Corsage mit durchgängigem Reißverschluß und begutachtete einen Strapsgürtel mit mehrfarbigen Stickereien und dem dazugehörigen String mit blickdicht verstärktem Höschenteil. Durch meine Hände wanderten Stringtangas aus Satin ... Nylons mit Lack-Abschlüssen ... Negligés mit besticktem, tiefausgeschnittenem Dekolleté und Spaghettiträgern.
– Das sind doch wohl Maschen zum Vernaschen. Oder hab ich recht? Alter, ich persönlich steh ja voll auf Lochoptik und offenen Schritt.
Mein Augenmerk richtete sich inzwischen auf die Büstenhalter und Bustiers. Es gab ja so viele verschiedene Modelle. Mit Träger, ohne Träger oder mit abnehmbaren Trägern ... Gekreuzt, transparent, mit Häkchenverschluß vorne, im Rücken oder an der Seite. Einige Körbchen waren gepolstert und mit Tüll unterlegt, andere besaßen Spitzenumrandungen, angedeutete Schnürungen und einen Rüschensaum und waren mit Volantverzierungen und Schleifenbändern versehen. Das Schöne ließ durch den Anschein etwas Gutes erwarten. Ich dachte an Katja und entschied, einen Teil meines sauer verdienten Geldes hier und jetzt in ein süßes Darunter und sündiges Nichts für die Abwesende anzulegen.
– Eng geschnürt ist halb verführt, Alter! Jetzt machen wir mal Butter bei die Fische.
Latte schwenkte ein hautfarbenes Korsett in der Luft und beorderte mich zu der Kleiderstange mit den Dessouskleidern, Strapshemden und Stringbodies. Eine Dame, die am Anfang unserer Straße wohnt und deren Enkel mein altes Gymnasium besucht, grüßte von weitem aus der Ecke mit den bodenlangen Nachthemden. Ich lächelte verlegen zurück. Latte sah es und wurde unwirsch.
– Hey, bei Frauen und Drogen kenne ich keine Freunde. Merk dir das. Das hier ist mein Jagdrevier. Verstanden? Also, was hältst du hiervon?
Latte präsentierte mir einen langärmligen Catsuit aus schwarzem Lack mit glitzernden Lurexfäden, Fußeinstiegen und Klettverschluß. Vollelastisch, vorne wie hinten tragbar, o lala. Mir wurde schwindelig, ich hatte plötzlich Pudding in den Knien und hörte Fischer-Chöre singen.
– Alter, das ist genau das Richtige für die Katja. Gibt es auch in Flieder.
– Hm, weiß nicht.
Blindlings langte ich in die Auswahl und erwischte einen blau schimmernden, mit Straßsteinen besetzten Kaftan mit Satinbordüre, großem Halsausschnitt und einer kleinen Schließe im Nacken. Ein elegantes Gewand, das vollständig einhüllt und trotzdem alles zeigt. Sehr feminin.
– Das Teil kauf ich.
– Nicht grade figurbetont. Alter, bist du sicher?
– Wie die Bank von England.
– Der Schleier kostet aber sechzig Schleifen.
– Das ist mir Katja wert, jeden einzelnen Groschen.
– Du mußt es wissen.
Ich lief zur Kasse und bezahlte. Latte behauptete später, daß ich, als ich der Kassiererin mein Geld gab, hörbar geschmatzt hätte. So ein Blödsinn.
Wir verließen die Woolworth und draußen empfand ich sogleich den Wunsch, mein erhitztes Gemüt mit einem frisch gezapften Pils zu kühlen. Es war noch keine zwölf, und bis zum nächsten Tagesordnungspunkt verblieben mir einige Stunden. Ich lud Latte in das Irish Pub zwischen der Wäschemangel und dem FDP-Büro ein, und natürlich hatte Latte gegen den Vorschlag nichts einzuwenden. Eine Viertelstunde später erhoben wir die Gläser auf mein Wohl und stießen zum zweiten Mal an diesem Tag miteinander an.

© Erata Literaturverlag 2008

 
Marc Degens | www.marc-degens.de